Redebeitrag von Change Ihringshausen zum Hugenottenhaus

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Liebe Freundinnen und Freunde,

das sogenannte Hugenottenhaus vor dem wir hier stehen erzählt uns zwei Geschichten.

Die erste Geschichte legt Zeugnis davon ab, dass Kassel und Nordhessen nicht das wäre, was es ist, wenn nicht schon immer Menschen als Einwandererinnen und Einwanderer bei uns ein zu Hause gefunden hätten.

Ende des 17. Jahrhunderts flüchteten 4.000 Hugenotten aus Frankreich nach Hessen-Kassel. Landgraf Karl öffnete für sie die Tore. Zu dieser Zeit, war jeder fünfte in Kassel ein Flüchtling. Über ein Jahrhundert hinweg wurde in diesen Straßen in denen wir stehen überwiegend französisch gesprochen.

AfD und Pegida, ihre, Angstbürger und Hassprediger hätten damals wohl gegen eine „Überfremdung“ gewettert. Heute sollten wir schlauer sein, wenn wir die vielen Bereicherungen als völlig selbstverständlich ansehen, die wir den Flüchtlingen von damals zu verdanken haben.

Unter den Hugenotten war zum Beispiel eine Familie namens Pierson. Ihre Tochter Katharina Dorothea, später Viehmann, diktierte den Grimms Geschichten in die Feder; Geschichten die heute als die Grimmschen Hausmärchen bekannt sind; Geschichten, die als nordhessisches Kulturerbe verstanden werden. Liebe Freundinnen und Freunde, es sind die Geschichten eines Flüchtlingskinds, die Kassel, in der ganzen Welt bekannt machen.

Wer sich derart mit dem Erbe von Flüchtlingen schmückt, wie es diese Stadt tut, der sollte sich auch klar machen: Wenn damals die Asylpraxis von heute geherrscht hätte wären die Grimmschen Märchen niemals erzählt worden.

Heute würde die Familie von Dorothea Viehmann nicht in Baunatal-Rengershausen einen Gasthof betreiben wie sie es damals getan hat. Sie wäre mit hoher Wahrscheinlichkeit in einer Gemeinschaftsunterkunft untergebracht. Oftmals abgelegen, regelmäßig in Mehrbettzimmern untergrebracht, ohne Privatsphäre, vor allem aber immer mit der ständigen Angst schon morgen in KS Calden abgeschoben zu werden.

Wir fordern die dezentrale Unterbringung von Geflüchteten, weil wir der Ansicht sind, dass nur über gemeinsames Wohnen über den gemeinsamen Kontakt Fremde zu Nachbar*innen zu Kollegen und Freunden werden können. Nur durch gemeinsames Wohnen kann ein soziales Miteinander funktioniert. Wir fordern eine menschenwürdige Unterbringung von Geflüchteten.

Denn dieses Haus erzählt davon. Es ist die Geschichte von einem Landgrafen der vor über 300 Jahren Planstadtteile, ja ganze Städte bauen ließ. Es ist die Geschichte einer Vorreiterpolitik in Sachen Wohnungsbau und auch der Asylpraxis. Die Hugenotten bekamen ein Dach über den Kopf, sie durften nicht nur arbeiten, es war ihnen sogar gestattet gegen die überkommene Zunftordnung zu verstoßen. Vor allem aber durften sie hier bleiben wenn sie wollten. Wir wollen, dass die Geflüchteten von heute, diese Rechte von vor 300 Jahren wieder bekommen. Das Recht selbstbestimmt zu wohnen, zu arbeiten zu bleiben und zu gehen, wenn sie es wollen. Statt Entrechtung und Abschiebung wollen wir gleiche Rechte für alle!
Man sieht auf den ersten Blick, dass dieses Haus auch eine zweite Geschichte erzählt. Eine Geschichte von Leerstand und Zerfall.

Dieses Haus ist seit den 1970er Jahren unbewohnt. Ungenutzter Leerstand wie diesen gibt es an vielen Orten in Kassel und das obwohl der Bedarf nach Wohnraum so groß ist wie lange nicht mehr.

Ökonomen haben einen Begriff für derart paradoxe Situationen. Sie nennen sowas Marktversagen. Kritische Ökonomen, nennen das Kapitalismus: wenn nicht etwa Bedürfnisse, nicht der Gebrauchswert, nicht der Nutzen eines Hauses zählen, sondern sein Tauschwert.

Es ist manchmal lukrativer, Häuser und Wohnungen leer stehen und verfallen zu lassen – zum Beispiel um in Zukunft auf höhere Grunstückpreise zu hoffen, weil Investitionen sich nicht lohnen oder aber um Mieten hochzuhalten. Hinter Leerstand steckt System.

Wie man diesen Vorgang diesen Vorgang auch nennt – ob Marktversagen oder Kapitalismus: Das Resultat ist das gleiche. Häuser wie dieses stehen leer und gleichzeitig sind Studierende mit steigenden Mietpreisen konfrontiert. Häuser wie dieses stehen leer und gleichzeitig wird Wohnen für Transferleistungsempfänger zur Existenzfrage. Häuser wie dieses stehen leer und zur gleichen Zeit überwintern Flüchtlinge in provisorischen Unterkünften.

Wenn die Politik bei Zuständen dieser Art zuguckt, dann muss man auch von Politikversagen sprechen und genau das ist in Kassel seit langem der Fall.

Versteht mich nicht falsch: Was in diesen Tagen die Beschäftigten in den Verwaltungen und die ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer für die Unterbringung von Geflüchteten leisten, das ist enorm und verdient große Anerkennung. Viele von den hier Anwesenden helfen in Unterstützerkreisen, sie spenden, sie geben Sprachunterricht. Das ist toll und wichtig.

Und dennoch baden die Verwaltungen und auch die Ehrenamtlichen zu einem großen Teil das Versagen der Politik auf breiter Strecke aus: Denn die Kürzungen von gestern sei es im öffentlichen Dienst, die Einsparungen bei bei freien Trägern und sozialen Diensten, bei der Sozialarbeit und in den Schulen – die Kürzungen von gestern sind die Überforderung von heute.

Und genau das ist auch die Vorgeschichte des sogenannten Problems der Flüchtlingsunterbringung. Es ist die jüngere Geschichte dieses Hauses. Es ist die Geschichte einer verfehlten Wohnungspolitik. Es ist die Geschichte von Leerstand, Zerfall und von Investitionen, die am Bedarf vorbei gehen. Es ist die Geschichte einer Stadt, die gar kein Wohnraumkonzept hat. Eine Stadt, die sich als Boomstadt feiert, mit dem Zuzug von Studierenden schmückt aber tatenlos zuschaut, wenn über die letzten Jahre hinweg in niedrigen Preissegmenten die Mieten explodieren. Das ist die Vorgeschichte des sogenannten Problems der Flüchtlingsunterbringung.

Deshalb sind wir hier. Wir fordern einen Kurswechsel. Wir fordern, dass der Leerstand ermittelt wird. Wir fordern, dass er saniert wird und dass bei Bedarf Sozialwohnungen neu gebaut werden. Wir sind deshalb der Ansicht, dass das die öffentliche Hand tun soll, weil wir finden, dass Wohnen ein Grundbedürfnis ist, was gegenüber allen erfüllt werden muss.

Die Forderung nach einem öffentlichen Investitionsprogramm für sozialen Wohnungsbau ist in diesen Tagen auch ein politisches Programm gegen Rassismus – weil es Spaltung, weil es Hetze, weil es dem Schüren von Neiddebatten zumindest eine materielle Grundlage nehmen würde.

Eins ist nämlich klar: Nicht die Geflüchteten haben sich in den letzten Jahrzehnten geweigert in den sozialen Wohnungsbau zu investieren und nicht die Geflüchteten profitieren von Leerstand und Zerfall. Dieser Rundgang ist ein Beispiel dafür, dass man bei Fragen dieser Art, nicht die Schuld auf Sündenböcke und die Schwachen abschieben darf, während andere aus der Verantwortung gelassen werden. Dieser Rundgang ist Beispiel dafür, dass wir in diesen Tagen nicht nur zusammenhalten und helfen müssen, sondern auch gemeinsam Streiten müssen: für ein Kassel für alle – ohne Rassismus und Diskriminierung!

Wir werden heute verschiedene Beiträge hören, die an die beiden Geschichten dieses Hauses anknüpfen, die von Flucht, von gemeinsamen Wohnen, von dem alltäglichen Wahnsinn des Kapitalismus, von verfehlter Wohnraumpolitik und dem Kampf gegen Rassismus erzählen. Ich wünsche Euch viel Spaß dabei und hoffe, wir sehen uns wieder.